Psychopharmaka und die Lücken im Gesundheitssystem

23.10.21

Laut der Universität Zürich, dem Schweizer Institut für Sucht und Gesundheitsforschung nehmen 400.000 Menschen täglich Medikamente mit Missbrauchspotenzial ein (vor allem Psychopharmaka und Aufputschmittel). Gemäss Schätzungen sind davon 60.000 Menschen abhängig.
Auch ich war davon betroffen. Lange Zeit habe ich Medikamente eingenommen, die die Stimmung aufhellen sollten und die «emotionale Instabilität» regulieren sollten. Aufgehellt haben sie meinen Alltag kaum und ich fühlte mich all die Jahre, alles andere als stabil. Mein Alltag war mehrheitlich ziemlich grau. Es gab Zeiten, da ging es mir etwas besser. Ich schien neue Kraft hervorzuholen und der Gedanke kam wieder: «hey, mir geht es ja eigentlich gar nicht so schlecht! Vielleicht brauche ich die Medis ja gar nicht mehr.»
Mehrere Versuche habe ich gestartet um sie abzusetzen, doch immer wieder kam der Punkt, an dem es mir wieder schlecht ging und ich bekam erneut die Bestätigung dafür, was mir die Ärzte so oft gesagt hatten: «Akzeptieren sie dass sie zum leben Medikamente brauchen.» Ich war wieder am Boden zerstört, doch überzeugt davon, dass sie Recht hatten, denn «hey, ein Arzt weiss immer wovon er spricht, oder?» ;)Leider verstand ich damals den Unterschied noch nicht zwischen Symptombekämpfung und Heilung an den Wurzeln.
So vergingen die Jahre und die Versuche und ich schleppte mich mühselig von einem Tag zum nächsten.
Wenn ich all dies schreibe, möchte ich klarstellen, dass ich den Konsum von Psychopharmaka nicht grundsätzlich ablehne. Es gibt Situationen und Zeiten, in denen es sinnvoll und richtig sein kann, ein solches Medikament einzunehmen. Die Frage ist nur: «wie viel?», «wie lange?» und vor allem «was dann?».
Das «was dann?» wird in der heutigen Psychiatrie-, Diagnosen- und Psychopharmaka-Welt, nicht oder zu wenig beachtet wird. Die Begleitung eines Menschen, der Psychopharmaka nimmt, ist zu gering und zu einseitig. Versteh mich nicht falsch. Es geht mir nicht darum, das Gesundheitssystem, die Therapiemethoden oder gar die Ärzte anzuklagen oder ihnen ihre Kompetenz und oftmals guten Absichten abzusprechen. Viele Ärzte geben ihr Bestes, es ist ihnen jedoch nicht möglich, einen Menschen in jener Intensität zu begleiten, die er bräuchte. Schon nur des Zeitmangels wegen. So ist oftmals die einzige Option, die ein Mensch in einer akuten Lebenskrise hat, der Psychiatrieaufenthalt. Das kann helfen, doch die Frage des «Was dann?» ist auch da eine sehr Wichtige, auf die es zu wenige effektive Antworten gibt.
So sitzen tausende von Menschen täglich Zuhause, nehmen ihre Medikamente ein und leben in der Hoffnungs-und Perspektivenlosigkeit und überzeugen sich mit jeder Tablette davon, dass sie nicht fähig sind, aus sich heraus ein freudvolles Leben zu leben. 
Medikamenteneinnahme ist Symptombekämpfung. Wie erwähnt, angemessen und richtig in einigen Fällen, für einige Zeit. An der Ursache ihrer Leiden jedoch verändert sich nichts. Wir müssen den Tatsachen in die Augen schauen und erkennen dass es Lücken im System gibt, die Leid, Abhängigkeit und Schmerz verursachen. Es bedarf eines Perspektivenwechsels! 

Ein Mensch, der eine Lebenskrise durchmacht braucht Begleitung, wertefreies Zuhören, Beachtung, in dem, was er ist und echte Zuneigung. Menschen die Medikamente absetzen wollen und es nicht schaffen, brauchen mehr als 1 Stunde Gesprächstherapie zwischendurch. Enge Begleitung im Alltag, in Form von regelmässigem persönlichen Austausch und Telefongesprächen, sind wichtig, so dass Fragen beantwortet und Unsicherheiten aufgefangen werden können in dem Moment, in dem sich die Seele in Not sieht. 
Zuletzt jedoch am wichtigsten, dürfen wir als Gesellschaft lernen, Phasen von Leid und Schmerz im Leben, als das anzunehmen was sie sind: natürliche Bestandteile des Lebens. Initiationen. Gelegenheiten uns selbst näher zu kommen um dann weiser, reifer und resilienter aus diesen wieder herauszutreten.